"Sex in Bed or Sex in the Head?" -- A Transatlantic Love Affair

Simone de Beauvoir über ihre Liebe zu dem amerikanischen Schriftsteller Nelson Algren in ihrem Amerikabuch (1948), ihrem Roman Les mandarins (1954) und ihren Memoiren (1963)1

Anja Becker

Einführende Überlegungen

"Man kann keinen Roman schreiben, ohne aus seinem eigenen Umfeld zu klauen,2 sagt der Schriftsteller Henry Perron in Les mandarins. Wie Simone de Beauvoir in ihren Memoiren schreibt, ist es eben dieser Henry, dem sie vermutlich selbst am nächsten steht, sie hat ihm "die Lebensfreude, die Unternehmungslust, das Vergnügen an der Schriftstellerei [...] angedichtet."3 Für de Beauvoir ist Schreiben offensichtlich gleichgesetzt mit Lebensinhalt und Glücksgefühlen. Als sie 1947 den amerikanischen Schriftsteller Nelson Algren auf einer Vorlesungsreise durch die USA kennen- und Lieben lernt, hat dies an erster Stelle unmittelbare Auswirkungen auf ihr Schaffen. Tatsächlich wird die erwachte Liebesleidenschaft zu einem Motor des Schreibens, der angetrieben wird durch die transatlantische Trennung und damit durch eine Sehnsucht, die letztlich gar nicht überwunden werden will, da sie gerade die Quelle der befriedigenden Schreibkreativität ist:

She frequently chafed at the distance between them, telling Algren 'it is stupid to write love letters, love is not something you can put in letters, but what is to be done when there is this dreadful Atlantic Ocean between you and the man you love?' Yet the choice not to live with Algren, or see him more often, was essentially hers, something he realised much later and resented.4

Für Niklas Luhman ist das Medium Liebe "selbst kein Gefühl, sondern ein Kommunikationscode, nach dessen Regeln man Gefühle ausdrücken, bilden, simulieren, anderen unterstellen, leugnen und sich mit all dem auf die Konsequenzen einstellen kann, die es hat, wenn entsprechende Kommunikation realisiert wird."5 Einerseits bedient sich de Beauvoir tatsächlich gerade in den frühen Briefen an Algren eines konventionell-kodierten Englisch, das keinesfalls mit fehlendem Sprachgefühl begründet werden kann, und das verständlicherweise in dem Adressaten eine bestimmte Erwartungshaltung und damit Mißverständnisse hervorrufen muß.6 Sie nimmt also gewissermaßen innerhalb der schriftlichen Liebeskommunikation ein lang etabliertes Rollenverhalten an. Andererseits ist diese Sprache die Liebe eher der Versuch, ein bisher unbekanntes7 Gefühl zu verschriften; im Fall der Briefe an Algren noch in intimstem Rahmen. Doch schon recht früh in der Beziehung wird deutlich, daß de Beauvoir ihre Existenz nicht für ein Liebesglück mit Algren in Amerika aufgeben kann,8 die intellektuelle Schreibtätigkeit ausgehend von Paris nimmt die höchste und vor allem eine unantastbare Priorität in ihrem Leben ein. Kurz, de Beauvoir ist eine verliebte Frau, für die Schreiben den Lebensinhalt darstellt, eine 'transatlantische Liebe' allein kann ihr nicht genügen.9

Darüber hinaus ist Schreiben jedoch auch eine Notwendigkeit, um Erlebtes im psychologischen Sinne zu verarbeiten und es somit hinter sich zu lassen. So beobachtete de Beauvoir, daß sich die Geschichte ihrer Kindheit und Jugend "seit sie veröffentlicht und von vielen gelesen worden war, völlig von mir gelöst [hat]."10 Sie distanziert sich vom Erlebten, indem sie es auf Papier wiederholt oder zumindest zu wiederholen versucht. Gerade in der permanenten Wiederholung und Neuverarbeitung eines Themas liegt der Reiz: Wie auch die Liebe11 bewirkt es eine Erneuerung und Wiedergeburt. Anders gesagt, das ständige, wiederholende Schreiben ist eine permanente Reflexion über die eigene Erfahrungswelt, die auf diese Art mit zunehmender Entfernung vom Erlebten stetig neu interpretiert wird. "Denn die polyphone Meisterschaft des Schreibens besteht darin, aus Fragmenten das Puzzle unablässig zusammenzusetzen und wieder auseinanderzunehmen [...]."12 Für de Beauvoir erklärt dies die Lust am Schreiben: "Immerhin hat der Schriftsteller die Chance, in dem Augenblick, da er schreibt, der Versteinerung zu entgehen. Mit jedem neuen Buch setzte ich einen neuen Anfang. [...] Die schöpferische Tätigkeit ist Abenteuer, ist Jugend und Freiheit."13

Das Liebesgefühl wird zum Antrieb des Schreibens, das Schreiben zu einem Mittel, um die Liebeserfahrung zu verarbeiten. Der Terminus des 'Verarbeitens' impliziert hierbei, daß man das Erlebte--die Liebesbeziehung--durch das Schreiben hinter sich läßt. Doch damit nicht genug. Eine Verschriftung kann bekanntlicherweise spätestens seit der Postmoderne nicht mehr als bloße Widerspiegelung der Realität akzeptiert werden. Auch der eingangs zitierte, fiktive Schriftsteller stimmt dem zu, "ich hab nicht von uns gesprochen, sagte Henry. Du weißt genau, daß alle Figuren erfunden sind."14 Im Schreiben muß immer Neues entstehen, dem seinerseits eine Daseinsberechtigung gebührt. Doch,

There is no doubt that Algren felt used, especially when de Beauvoir wrote about him in The Mandarins and in a volume of her autobiography. 'Autobiography -- shit!' he exclaimed, shortly before his death in 1981, by which time he had not spoken to his former lover for more than fifteen years. 'Autofiction, that's what she wrote.'15

Der Autor schöpft aus seinem Erfahrungsbereich, und dennoch ist alles erfunden. Ob Reisebericht (Amerika Tag für Tag, 1947), Roman (Les mandarins, 1954) oder der letzte Band ihrer Memoiren (Der Lauf der Dinge, 1963), de Beauvoir greift in Bezug auf die transatlantische Liebesgeschichte stets auf einen weiblichen Ich-Erzähler zurück, der ihr selbst entsprechen soll oder zumindest stark an ihre Biographie angelehnt ist. Zweifelsohne steht de Beauvoir im Mittelpunkt ihres eigenen Schaffens--Schreiben als andauernde Selbstbetrachtung und -analyse. "Seine Majestät das Ich", wie Kristeva es so treffend formuliert, "projiziert und glorifiziert sich oder zersplittert und geht unter, wenn es sich in einem idealisierten Anderen betrachtet [...]."16 Es sind de Beauvoirs Realitäten, die Algren einen Spiegel vorhalten und ihm mit einer Verzerrung seiner Selbst konfrontieren.

De Beauvoir geht als die stärkere Persönlichkeit aus der Beziehung hervor, schließlich ist es ihre Entscheidung, daß keiner von beiden seine Welt verlassen kann. Indem sie aber auf ihrer Unabhängigkeit besteht, wird die Autorin des anderen Geschlechts (1949) zu einer ganz und gar untypischen Frauengestalt, denn eigentlich ist die Frau seßhaft, "der Mann ist Jäger, Reisender; die Frau ist treu (sie wartet), der Mann ist Herumtreiber (er fährt zur See, er 'reißt auf')."17 De Beauvoir personifiziert die von Elisabeth Beck-Gernsheim beobachtete

Individualisierung des weiblichen Lebenslaufs, die Herauslösung der Frau aus der Einbindung in die Familie [...]. Solange es nur der Mann war, dessen Lebenslauf dem Grundmuster der Individualisierung unterstellt wurde, solange die Frau komplementär aufs Dasein für andere verpflichtet wurde, blieb der Familienzusammenhalt weitgehend bewahrt -- freilich um den Preis der Ungleichheit der Frau.18

In ihrer Verweigerung der klassischen Frauenrolle und ihrem Beharren auf der intellektuellen Schaffenstätigkeit, wird sie zu der "abstoßenden und herzlosen"19, zur maskulinen Frau. Algren wiederum in seinem Wunsch nach Heim und Familie wirkt "feminisiert", da er wartet und leidet, "weil er liebt."20 De Beauvoir steht also im Konflikt mit ihrer Weiblichkeit. Doch, "Simone de Beauvoir was more comfortable, in the end, with sex in the head than sex in the bed [...] she was capable of grand passion, but only as long as there was an ocean safely between her and its object." 21 Es scheint sich zu bewahrheiten, was Roland Barthes beobachtet: Das "immer gegenwärtige ich konstituiert sich nur angesichts eines unaufhörlich abwesenden du."22 De Beauvoir liebt Algren im fernen Amerika und ist damit auf schriftliche Korrespondenz beschränkt; ohne Distanz aber kein Schreiben und damit keine Selbstmanifestation. Im aktiven, maskulinen Schreiben erlebt sie feminine Passion.

Im folgenden soll untersucht werden, wie Simone de Beauvoir ihre Affäre mit dem amerikanischen Schriftsteller Nelson Algren (1947-1950/1964) verschriftet hat. Aus der bloßen Tatsache, daß sie sich bei der Wiedergabe ihrer transatlantische Liebeserfahrung verschiedenster Genres bediente, läßt sich vorab bereits auf verschiedene Abstraktionsniveaus schließen: Persönliche Erinnerungen, in denen Bezüge zur externen Realität erkennbar sind und scheinbar nur für den persönlichen Bedarf notiert (Amerikatagebuch) oder explizit für eine breitere Leserschaft beschrieben werden (Memoiren), ebenso wie rein fiktives Schreiben, in dem keine Person und kein der 'kleinen Geschichte'23 entsprechendes Ereignis hundertprozentig der Wirklichkeit zugeordnet werden kann (Roman).

Während das Amerikabuch weniger auf Begebenheiten als auf Empfindungen in bestimmten Situationen und Momenten setzt, rückt die Gefühlsebene im Laufe der Jahre mehr und mehr in den Hintergrund, was sich im Schreiben in einer zunehmenden, emotionalen Distanzierung von der Person Algrens äußert. Das Amerikabuch erwähnt ihn zwar kaum, er bleibt hierin jedoch die einzige Person, die knapp aber herzlich als Persönlichkeit umrissen wird und immer wieder unauffällig als Begleiter in Chicago und New York City auftaucht. Das eigentliche Liebesglück wird nicht direkt mit dem Leser geteilt. Der Roman wiederum wurde zu einem Zeitpunkt beendet, da bereits ein Bruch mit Algren stattgefunden hatte. Die Beziehung mit dem Algren Pendant Lewis Benson wird von der Protagonistin und Ich-Erzählerin Anne Dubreuilh von Anfang an als hoffnungslos wahrgenommen. In den Memoiren schließlich ist Algren ein Freund, dem man ohne Nostalgie gegenübersteht, de Beauvoir äußert sich eher neutral und unbewegt über ihn. Die Affäre liegt lang zurück, es hat inzwischen andere Erfahrungen, viele Reisen und Eindrücke und vor allem verarbeitendes, schriftstellerisches Schaffen gegeben.

L'Amérique au jour le jour 1947 [Amerika Tag für Tag] (1948)

Am Sonnabend, dem 6. Juni 1947, also nur wenige Tage nach ihrer Rückkehr aus Amerika, schreibt de Beauvoir an Algren:

I had a kind of [26] depression Wednesday night when I wrote to you, but now it begins to be better. First, I can work again and it is much for me. I think I was wrong to try at once to write the book about women which began before going to America--it is dead for me just now; I cannot begin again where I left just as if nothing had happened. I'll write it later and now I want to write about my travel. I should not like this travel to be lost; I must keep something of it, with words if nothing else is possible. I shall speak of America, but about myself, too; I should like to describe the whole experience of "myself-in-America" altogether; [...].24

Die Konfrontation mit Paris nach einer viermonatigen und intensiv erlebten Abwesenheit wirkt sich für de Beauvoir vor allem auf ihr Schreiben aus. Dabei hatte sie ursprünglich nicht die Absicht, "ein Buch über Amerika zu schreiben, aber ich wollte Amerika gern sehen."25 Unmittelbar nach ihrer Rückkehr wird das angefangene Projekt (Das andere Geschlecht) auf Eis gelegt; die Amerikaerfahrung muß auf Papier bewahrt werden, denn es ist etwas passiert. Allerdings, so könnte man meinen, scheint es de Beauvoir an dieser Stelle noch vorrangig um ihre allgemeinen Reiseerlebnisse zu gehen, weniger um die Erinnerung an und Gefühle für Algren, die rein privat im intimen Briefwechsel Ausdruck finden. Gleichzeitig jedoch läßt sich ein Bedürfnis erkennen, sich selbstanalytisch mit dem eigenen Ich auseinanderzusetzen. Beachtenswert ist dabei, wie vergleichsweise stark Algren von Anfang an durch den Briefwechsel über den Entstehungsprozeß des Amerikabuches auf dem Laufenden gehalten wir; spätere Äußerungen zu ihren Werken sind auf knappe Notizen begrenzt.26

Die Motivation hinter dem Amerikabuch nimmt in der Korrespondenz mit Algren schon bald klarere Konturen an. Am 24. Juni teilt sie ihm mit,

I go on writing the book about America. I write everything, just the way I felt it, [...] and I am just coming to Chicago. It is very difficult. I do not know what I want to say about this first encounter. Indeed, I am not to speak of you and me, but what do I know about Chicago if not through you? Well, I have to find a way of saying the truth without saying it; that is exactly what is literature, after all: clever lies which secretly say the truth.27

De Beauvoir will schreiben, ohne direkt auf real existierende Personen einzugehen. Allerdings ist ihre Reiseerfahrung bestimmt von den Menschen, denen sie begegnet ist, wobei Algren natürlich eine zentrale Rolle einnimmt. Es muß also auf zwei verschiedenen Ebenen gearbeitet werden--aber wie wird sie das Chicago wiedergeben, das ihr Algren präsentierte und nur er ihr in dieser Form präsentieren konnte, ohne Algren selbst und mit ihm ihre Beziehung zueinander zu erwähnen? Die wahre Motivation hinter dem Drang über Amerika zu schreiben, offenbart sich de Beauvoir erst in einem Brief vom 3. Oktober,

Something happened when we said good bye in New York, and it was the beginning of love. But something happened too when I found you again in the Wabansia home and I stood quivering in your arms, and it was the fulfillment of love. I am not wise but rather a bit coward, and until my coming back to Paris I was a little reluctant, a little afraid to admit love in all its deepness and strength. [...] [73] Now I have to work a little more. I am not pleased with this letter, anyway it is hard to make love on paper when I remember Wabansia, Wabansia does not look dream like, it remains true, and Paris is often a sad dream. Good night, honey. I belong to you. Vous êtes mon amour.28

De Beauvoir wird sich der Bedeutung des Abenteuers mit Algren erst nach der Abreise bewußt. Im Amerikabuch will sie die Affäre noch einmal erleben, verlängert erleben, ohne dabei direkt über sie zu sprechen. Wie de Beauvoir später feststellen wird, ist Niederschreiben mit dem Ziel der Veröffentlichung eine Art Abschied,29 1947/48 jedoch ist die Beziehung zu Algren trotz der geographischen Trennung real und gegenwärtig, sie in allen Einzelheiten aufzuschreiben, käme einem Abbruch gleich. Schreiben dient an dieser Stelle also der persönlichen Bewahrung, daher auch die paradox anmutende Auflage an sich selbst, die Wahrheit zu sagen ohne die Wahrheit zu sagen. Der anonyme Leser soll nicht die Liebe zu Algren sondern ein Amerikagefühl in und zwischen den Zeilen entdecken.

Die Idee der (emotionalen) Veränderung während der Reise ("es ist etwas passiert"), läßt sich auf den ersten Seiten des Amerikabuches und vor der ersten Begegnung mit Algren in Chicago an einem Gefühl der Fremdheit, wenn nicht gar Unwirklichkeit, festmachen--de Beauvoir glaubt, einen Ort verlassen zu haben, ohne an einem anderen eingetroffen zu sein. Am 25. Januar 1947, dem Tag ihrer Ankunft in New York City liest man, "Ich bin nicht mehr in Paris, aber ich bin nicht hier [...]. Es gibt keinen Platz für mich auf den Bürgersteigen; diese fremde Welt, in die ich aus Verwunderung gefallen bin, hat mich nicht erwartet, sie war vollständig ohne mich; sie ist vollständig ohne mich; es ist eine Welt, in der ich nicht bin: ich erfasse sie in meiner perfekten Abwesenheit."30 Am 19. Februar in Buffalo taucht der Gedanke neuerlich auf, "[...] es gibt keinen Ort, zu dem ich hingehen könnte. Ich bin nicht mehr in Paris, nicht mehr in New York, noch nicht in Chicago: ich bin nirgends, ich bin den Gesetzen des Raums entwischt."31

In der Beschreibung des ersten Abends, den die beiden am 21. Februar miteinander verbringen, konzentriert sich de Beauvoir auf die Beobachtung ihrer Umgebung, auch mischen sich Gespräche mit und Erinnerungen an andere Bekannte in die Darstellung der Erkundungstour durch die Chicago Szene, die Touristen gewöhnlich verwehrt bleibt. Da ist zum Beispiel die Erinnerung an den Franzosen "F." in Washington, während de Beauvoir auf das "blind-date" Algren wartet, oder die Unterhaltung mit der "Wasserstoffblondine", einer Bardame, die sich erstaunlich gut in der französischen Intellektuellenszene der Gegenwart auskennt, und der Algren einiges Wissen verdankt.32 Algren wird so zu einer unauffälligen Textpräsenz--er ist permanent anwesend, denn es ist sein Chicago, das beschrieben wird, die von ihm frequentierten Bars, seine Bekannten. Gleichzeitig verschwindet er hinter eben diesen. Als de Beauvoir am folgenden Tag sich einer Einladung eines ortsansässigen Franzosen nicht erwehren kann, ist sie "tief betrübt", denn sie hat "noch nichts von Chicago gesehen und die Stunden sind kurz."33 Bedenkt man jedoch, daß sie in dem oben zitierten Brief an Algren schreibt, sie hätte Chicago durch ihn wahrgenommen, so offenbart sich hier, was es heißt, die Wahrheit zu sagen ohne die Wahrheit zu sagen: Chicago nicht zu sehen heißt Algren nicht zu sehen. Während sie für den Leser bedauert, keine weiteren Eindrücke von der Stadt sammeln zu können, bedauert sie für sich selbst, auf Algrens Begleitung verzichten zu müssen. Um so verständlicher, daß er ihr sehr schwer fällt, Chicago zu verlassen, und sie im Moment der Abfahrt beschließt, im Laufe ihrer Reise noch einmal zurückzukehren.34

Zuvor jedoch begegnet ihr "N.A." am 30. April in New York City wieder, wohin es ihn aufgrund von nicht näher spezifizierten "Geschäften" verschlagen hatte, und wo er die Stadt zu de Beauvoirs Belustigung mit "seinen Augen des Mannes aus Chicago entdeckte."35 Gewissermaßen ist er jetzt der Fremde, und de Beauvoir, die inzwischen eine gewisse Vertrautheit mit The Big Apple entwickelt hat, die Ortsansässige. "Wenn ich durch Greenwich Avenue flaniere, wenn ich mich auf eine Bank am Washington Square setze, wenn ich den New Yorker durchblättere, um ein Kinoprogramm zu finden, fühle ich, daß mein Phantom einen Körper angenommen hat."36 Die Stadt ist nicht mehr unwirklich und fremd wie zu ihrer Ankunft, de Beauvoir ist dabei, ein Teil von ihr zu werden. Die Rollen haben sich damit verkehrt, wie de Beauvoir belustigt feststellt, New York fungiert sozusagen als Ersatz für ihre Heimat Paris, Algren ist hier der fremde Besucher. Wie schrieb sie doch kurz vor ihrer Ankunft in (Algrens) Chicago, 'nicht mehr in Paris, nicht mehr in New York, noch nicht in Chicago' und Buffalo ist nirgendwo. Die beiden erstgenannten Metropolen sind offensichtlich gleichgesetzt. Darüber hinaus werden New York und Chicago--beides Städte, die sie mit Algren erlebte--chronologisch vor dem New Yorker Wiedersehen aber schreibtechnisch retrospektiv nach Ende des Amerikaaufenthaltes (das Buch hat lediglich die Form eines Tagebuchs) ebenfalls in Beziehung zueinander gesetzt: "Wenn ich in Los Angeles an New York, an Chicago denke, habe ich den Eindruck, ganz woanders zu sein. Dennoch scheine ich mich doch auch in demselben Land zu befinden."37 Letztlich aber ist jede räumliche Bedeutungsübertragung eine Spielerei--sie bleibt die Französin in Amerika.

Trotz allem fühlt sie sich unwohl ob der zunehmenden Vertrautheit mit New York City. Sie müßte sich der Stadt vollkommen hingeben, was jedoch eine "radikale Veränderung der Existenz" voraussetzen würde. Doch de Beauvoir ist "Reisende, Besucherin, das ist mein Los."38  Sie kehrt also nach Chicago zurück, auf Algrens Anregung hin; ein magischer Transfer an einen Ort, an dem sie sich merkwürdigerweise gefangen fühlt.39 Man könnte dies auf verschiedene Art interpretieren. Einerseits verläßt sie ein symbolisches Paris (d.h., New York City), um mit Algren in Chicago zu sein und begeht damit spielerisch einen Bruch mit ihrer bisherigen Existenz. Andererseits weigert sie sich, New York und damit Amerika als permanente Lösung zu akzeptieren--gerade weil sie mit Algren nach Chicago geht, unterstreicht sie ihre Reiselust, die sie ständig an einen anderen Ort treibt, ohne diesen jedoch als Alternative zum heimatlichen Paris anzunehmen--Chicago erinnert an ein Gefängnis. Dennoch, "Ich werde Chicago vermissen. Ich habe es ganz und gar nicht auf die gleiche Art wie New York gesehen, und dies macht mir jegliche Art von Vergleich unmöglich"40, schreibt de Beauvoir am 17. Mai, dem Tag ihrer Abreise aus Algrens Stadt. Und zwei Tage später, "ich weiß nicht, ob ich hier [in Amerika] glücklich sein könnte; ich bin sicher, daß ich es leidenschaftlich vermissen werde."41 Die beiden Aussagen werden ohne Bindewort in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit aneinander gehängt, eine klarere Illustration der doppelbödigen Amerikaerfahrung könnte es wohl kaum geben.

Les mandarins (1954)

Schon während des Schreibprozesses, der begann, nachdem bereits eine erste Trübung des Liebesglücks stattgefunden hatte,42 drückt de Beauvoir in Briefen an Algren den Wunsch aus, mit ihm diese Verarbeitung ihrer Liebe zu teilen. Am 13. Oktober 1952 schreibt sie,

You ask about "your" book, honey: It comes to an end, at last, it is a very thick novel and there is only a part about lovely you. I already told you what it is all about: the hopes and disappointments, friendship, love and quarrels among some French writers from 1944 to 1948, their relationship with politics in general, and the CP. peculiary, their nowadays problem about writing. I put a lot of things in it, travels, drunken evenings, young and mature people, some of Koester, Camus, Sartre, and myself, indeed. Only Sartre read it; he says now it is all right, it is the best I did--I hope so. Maybe within three months I give it to Gallimard. But when will the beasty beast Knopf have it translated?43

Obwohl sie den Inhalt als Porträt der Pariser Intellektuellenszene direkt nach der Befreiung und während der ersten Nachkriegsjahre zusammenfaßt, deutet der Rahmen von 'Dein Buch, Liebling' zu 'wird es übersetzt werden?' mit der Erwähnung, daß die Liebesbeziehungen der Intellektuellen eine Rolle spielen und ein Teil von ihm, Algren, handelt, darauf hin, daß de Beauvoir sich in ihrem Buch direkt an ihn wendet. Deutlicher wird dies, als sie nach Erscheinen des Romans gegen Ende Oktober 1954 an Algren schreibt,

They all say that the "American romance" is very moving--I wrote it with all my heart. It makes me sad you are not able to read it, lazy man who never could learn French. I mail one all the same; you'll find your name printed on the first page: it is your book. Let us hope somebody in the States or in England will translate it for you.44

Offensichtlich ist de Beauvoir erpicht darauf, Algren ihr Werk zukommen zu lassen. Besonders die transatlantische Liebesbeziehung gefällt der französischen Leserschaft, hebt sie hervor, de Beauvoir hat sie aus tiefstem Inneren heraus geschrieben. Diese Mitteilung an Algren ist wie ein verdeckter Wunsch, das einstige, ungetrübte Liebesglück wiederaufleben zu lassen, oder wenigstens der Versuch einer Rechtfertigung, warum es nicht gutgehen konnte--im Roman schwingt von Anfang an eine gewisse Abgeklärtheit auf Seitens Annes in ihrer Beziehung zu Lewis mit, wesentlich stärker, als sie auf den oben erwähnten, letzten Seiten des Amerikabuchs angedeutet wird. Am 9. Januar 1955 dann die direkte Frage,

I should like very much to know what you'll think. Everybody, praises the "American love story." In fact, it is not our real story, it could not be. But I tried to put something of it, to describe a real love between a man looking a bit like you and a woman looking a little like me. I tried to make both of them very nice people, and most of readers here say I succeeded in that. But I should like your feeling.45

Die Ungewißheit wird bald nachdem Algren sich ein erstes Mal negativ über de Beauvoir in der Presse geäußert hat,46 durch Resignation abgelöst. De Beauvoir gesteht sich damit endgültig ein, wie aussichtslos ihre Beziehung gewesen ist. Am 12. Juli 1956 teilt sie Algren mit,

In fact, in The Mandarins, the love story is very different from the truth; I'll just tried to convey something of it. Nobody understood that when the man and the woman leave each other for ever, they still are in love and maybe this love will never die. But it just could not go on. When I think of the past with a clear head, I see again I could never have lived in the States, and I don't believe you could live for keeps in Paris, and this coming and going affair could not make us happy neither. Yes, I can tell you again, quite privately, it was hard for me too.47

Die Figur des Lewis nähert sich unter allen von de Beauvoirs Figuren am meisten einem lebenden Modell--Algren--, der Leser sieht ihn ausschließlich durch Annes Augen (nicht alle Kapitel des Romans werden aus ihrer Perspektive erzählt). "Mir ist es recht, daß er nur in dem Augenblick existiert, da er für sie existiert, und daß man nur in dem Maße an ihn herankommt, wie es ihr selber gelingt."48 Wie auch im Amerikabuch wird dem Sehen große Bedeutung beigemessen. Während jedoch im Reisebericht de Beauvoir ihren Besuch in Chicago subtil als eine Reise mit den Augen Algrens darstellt, sich dabei aber stets auf eine Schilderung 'ihres' Umfeldes beschränkt, erlebt im Roman eine Figur eine andere. Im Amerikabuch findet eine Verschmelzung des erzählenden Ich mit der Begleitperson "N.A." statt, der Leser sieht Chicago mit den Augen der Erzählerin, die aber wiederum nur das sehen kann, was "N.A." sie sehen läßt. Im Roman hingegen betrachtet Anne distanziert eine andere Figur, ohne diese vollständig erfassen zu können. Objekt der Beobachtung ist nicht länger vorrangig die fremde Kultur Amerika oder die Stadt Chicago sondern Lewis. Der Leser erhält nicht durch die Beschreibung einer Reise unauffällige Hinweise auf eine bestimmte Person, sondern die Person wird direkt beobachtet, ihr Umfeld somit zur Nebensache. So gesehen ergänzen sich beide Bücher durch den Perspektivenwechsel der erzählenden Instanz.

Der Roman beschränkt sich auch nicht auf den einen Aufenthalt in Amerika, es gibt ein Davor und ein Danach, in dem Einstellungen und Ereignisse vorbereitet und weiterentwickelt werden. "Er war traurig; und ich erst!", notiert Anne, nachdem sie sich während ihrer ersten Amerikareise von Lewis verabschiedet hat.

Aber es war schon nicht mehr dieselbe Traurigkeit; jeder war allein. Lewis kehrte allein in sein leeres Zimmer zurück. Ich stieg allein in ein Flugzeug.
Achtzehn Stunden, das ist nicht lang, um von einer Welt in die andere zu springen. Ich war noch in Chicago [...] als Robert mir plötzlich zulächelte. Ich lächelte ebenfalls, nahm seinen Arm und begann zu erzählen. [...] sobald ich aber den Mund geöffnet hatte, fühlte ich, daß ich eine monströse Katastrophe in Gang gesetzt hatte: all die so lebendigen Tage, die ich gerade durchlebt hatte, versteinerten sich abrupt; es blieb nichts zurück als ein erstarrter Block Vergangenheit; Lewis Lächeln gefror zu einer Grimasse aus Bronze.49

Mit der ersten Trennung wird bereits ein Bruch dargestellt; nur das Gegenwärtige ist real und somit lebendig. Die Qual liegt in der Erinnerung an das Gewesene, an das sich Anne in Verzweiflung klammert, um es zu bewahren: "Lieber leiden bis in den Tod, sagte ich mir, als jemals grinsend die Asche meiner Vergangenheit in alle Winde zu zerstreuen."50 Doch es ist nichts von Dauer, Zeit wird früher oder später genügend Distanz für einen Schlußpunkt geschaffen haben: "Ich auch, ich werde so enden! Man grinst mehr oder weniger, aber man endet immer so, man kann niemals die gesamte Vergangenheit bewahren; bin ich Robert treu, wird meine Erinnerung eines Tages Lewis verraten; Abwesenheit wird mich in seinem Herzen töten, und ich werde ihn in den Tiefen meines Gedächtnis begraben."51 Schon im Moment ihrer Rückkehr erkennt Anne die Ausweglosigkeit ihrer Liebe--die Beziehung kann nur im Beisammensein funktionieren, doch wie könnte sie die Welt, aus der sie kommt, zurücklassen?

Im Amerikabuch verweilt sie oft mental an dem Ort, den sie gerade verlassen hat, und fügt sich damit um so schwerer in ihre Gegenwart ein. Im Roman wird diese Idee wieder aufgenommen--nach Paris zurückgekehrt, fühlt sie sich noch in Chicago, und erst die Begegnung mit dem Ehemann setzt der Reise ein unerwartet plötzliches Ende. So wie de Beauvoir einst Paris zurückließ, muß Anne jetzt Chicago verlassen; d.h., es passiert einfach, sie hat keine Kontrolle darüber. Im Roman kehrt de Beauvoirs Pendant nach Paris und somit auf den Boden der Tatsachen zurück. Ein Briefwechsel mit Lewis ist nicht ausreichend, ohne Körperlichkeit kann die Beziehung für beide nur zur Tortour werden:

Es ist wohl ein merkwürdiges Unterfangen, eine Liebe zu leben, indem man sich ihr verweigert. Die Briefe von Lewis schnitten mir ins Herz. "Werde ich immerzu fortfahren, Sie von Tag zu Tag ein wenig mehr zu lieben?", schrieb er mir. [...] Wie ich Lust hatte, als ich diese Worte las, ihm um den Hals zu fallen! Doch da mir dies nicht gestattet war, hätte ich ihm schreiben müssen: "Vergessen Sie mich." Aber ich wollte es nicht sagen; ich wollte, daß er mich liebt, ich wollte all die Qual, die ich ihm zufügte [...] unsere Liebe alterte, eines Tages würde sie sterben, ohne gelebt zu haben.52

Die Psychologin Anne gibt sich selbst die Schuld für ihr Unglück--Lewis leidet wegen ihr, sie leidet selbst, doch könnte sie alles beenden, indem sie einen endgültigen Bruch vollzöge. Dafür jedoch ist sie zu schwach. Lewis selbst ist alles zu entschuldigen, da er sie liebt. Gleichzeitig ist sie unfähig, für diese Liebe ihre bisherige Existenz aufzugeben:

"Wenn es Sie nicht gäbe, würde ich versuchen, dort zu leben", sagte ich. "Bestimmt würde ich es versuchen."
Seine Hände lösten sich von meinen Schultern; Robert ging ein paar Schritte und sah mich perplex an: "Du würdest keinen Beruf mehr haben, keine Freunde, du wärst umgeben von Leuten, die nicht deine Interessen teilen, die nicht mal deine Sprache sprechen, du wärst vollständig mit deiner Vergangenheit beschäftigt und mit allem, das hier für dich zählt... Ich glaube nicht, daß du das lange durchhalten würdest."
"Vielleicht nicht", sagte ich.
Ja, mein Leben mit Lewis wäre begrenzt gewesen; fremd und unbekannt hätte ich mir weder eine persönliche Existenz aufbauen, noch mich in dieses Land einbringen können, das niemals das meinige sein würde; ich wäre nichts gewesen als eine Liebende, die sich an den Geliebten preßt. Ich fühlte mich schwerlich in der Lage, nur für die Liebe allein zu leben53

Die Begründung läßt erkennen, daß letztlich der Wille zum Neuanfang fehlt. Es ist die Angst vor einem ungewissen Bruch mit der eigenen, fest in Paris verankerten Identität. Die Freundin Paule Mareuil, die sich zehn Jahre lang in eine Liebespsychose ganz und gar Henry aufgeopfert hat, wirkt in ihrem Unglück bestärkend: "Kein Mann verdient die Hingabe, die sie von uns fordern, keiner. Du bist auch betrogen; gib Robert Papier und Zeit zum Schreiben: es wird ihm an nichts fehlen."54 Und dennoch will Paule diese Wahrheit nicht akzeptieren, "Wir sind zu jung zur Resignation."55

Wenn das Amerikabuch Ausdruck des zum Zeitpunkt erlebten Liebesglücks ist und letztere aus diesem Grunde nur indirekt thematisiert wird, dabei lediglich am Ende die Problematik der geographischen und kulturellen Trennung angedeutet wird, so hat im Roman bereits Resignation eingesetzt. Zum Zeitpunkt des Erscheinens ist die Affäre praktisch beendet, die Amerikaepisode wird somit zu einer Verarbeitung des Erlebten, wobei die Unmöglichkeit einer solchen Beziehung spürbar ist. Trotz der desillusionierten Note im Roman und Algrens negativer Reaktion bleibt doch auch ein Tröpfchen Nostalgie am Ende, "Keep in your heart a stubborn will of coming to Paris:", schreibt de Beauvoir am 3. Januar 1955 an Algren, "it never will be too late to drink to the Mandarins' health with your French friends who all miss you."56 Doch eine einsetzende emotionale Lösung von Algren/Benson ist sowohl in den Briefen Mitte der 1950er Jahre als auch im Roman erkennbar.

La force des choses [Der Lauf der Dinge] (1963)

Die wesentlichste Aussage, die de Beauvoir in ihren inzwischen sporadisch gewordenen Briefen an Algren zum dritten Teil ihrer Memoiren trifft, bezieht sich auf die Länge des Werkes,57 das die Zeit von 1944 bis 1962 umfaßt. Wie auch der Roman betreffen die Memoiren Algren persönlich, doch beschränkt sich de Beauvoirs Anteilnahme und Interesse an Algrens Meinung auf ein knappes und routiniert klingendes Statement, "I hope you'll not be unpleased by what I tell about you because it was written with all my heart."58 In ihrem eigenen Urteil ist das Buch "very harsh against everybody and will be hated by most people, I guess, like The Lost American: 'It had no right to be written.'"59 Schon im Dezember kann sie vermelden, "My book gets very bad, hateful reviews, but it sells very well and I get a lot of nice, kind letters. It is strange discrepancy between what they print in the newspapers and the commercial success."60 Die alleinige Tatsache, daß es sich um eine langes, langes Buch handelt, sowie die Bemerkung, es sei ein hassenswertes Werk, das auch tatsächlich von den Kritikern gehaßt wird, zeugen davon, daß de Beauvoirs zwar mit der Vergangenheit abrechnet, sich emotional jedoch längst von ihr bzw. den geschilderten Episoden gelöst hat. Mit Veröffentlichung der amerikanischen Version bricht Algren die Beziehung zu de Beauvoir endgültig ab; die für 1965 geplante Reise de Beauvoirs und Sartres nach Amerika wird wegen des Vietnamkriegs abgesagt.61

Den Begegnungen mit Algren werden verhältnismäßig kurze Passagen gewidmet, die in nüchternem Stil geschrieben sind. Sie füllen somit einige Lücken, die das Amerikatagebuch offengelassen hatte aber auf fiktiver Ebene im Roman erwähnt worden waren. So hatte de Beauvoir--wie ihre Protagonistin Anne--es gegen Ende des ersten USA-Aufenthaltes satt,

Touristin zu sein. Ich wollte zusammen mit einem Mann spazieren gehen, der vorübergehend mir gehörte. Ich dachte an meinen New Yorker Freund. Aber er wollte weder seine Frau belügen noch ihr ein Abenteuer eingestehen: also verzichteten wir. Ich beschloß, Algren anzurufen. "Können Sie herkommen?" fragte ich ihn. Er konnte nicht kommen, wollte aber, daß ich nach Chicago käme. Wir verabredeten uns auf dem Flughafen.62

Es geht de Beauvoir an erster Stelle um ein kurzes Abenteuer, ein eher dem männlichen Geschlecht zugeordnetes Bedürfnis, das aber in diesem Fall zu einem femininen One-Night-Stand wird, da der romantisch anmutende Gedanke an Spaziergänge Ausdruck findet, es sich also nicht bloß um Geschlechtsverkehr handelt. Wie wenig ernst die Sache scheint, wird einerseits durch die Parallelgeschichte von Sartre und der Amerikanerin "M." angedeutet (er will sie nicht bitten, in Paris zu bleiben), andererseits durch de Beauvoirs rationale Bemerkung nach der Reise,

Es war durchaus möglich, nach Chicago zurückzukehren, weil die Geldfrage keine Rolle mehr spielte. Aber wäre es nicht besser, einen Schlußstrich zu ziehen? Das fragte ich mich mit einer an Verstörtheit grenzenden Besorgnis. Um mein Gleichgewicht wiederherzustellen, nahm ich Orthedrin. Es half mir zwar im ersten Augenblick, ich vermute aber, daß dieses Mittel an den Angstzuständen, die mich damals quälten, nicht ganz schuldlos war.63

De Beauvoir nimmt Beruhigungsmittel, die sie aber gleichzeitig überhaupt erst für ihre Gemütslage verantwortlich macht. Es werden weniger emotionale denn wissenschaftliche Erklärungen gegeben. In gewisser Weise schließt sich hier ein erzähltechnischer Kreis: In den ersten Briefen an Algren (siehe oben) wird ihr die Liebe, die sie für ihn empfindet, erst nach und nach bewußt, und sie verarbeitet sie retrospektiv in dem Amerikabuch, das jedoch, da es die Form eines Tagebuchs hat, den Eindruck erweckt, als entwickele sich ihre Denk- und Gefühlswelt in Amerika eben von Tag zu Tag. Die Memoiren wiederum verweisen auf die eher pragmatischen bzw. sexuellen Motive, die sie zu Algren führten, und die im Amerikabuch keine Erwähnung fanden. Dafür werden jegliche Liebesgefühle in den Memoiren minimiert, statt dessen spricht sie von einer medikamentös zu behandelnden, schlechten Gemütsverfassung.

Der Kurzbesuch im September 1947 wird knapp und kühl abgehandelt, "Ich hatte bei Algren telegrafisch angefragt, ob er einverstanden sei: Er war es."64 An diese Aussage fügt sich unmittelbar ein langer Abschnitt über den abenteuerlichen, tagelangen Flug von Paris nach Chicago. "Ich war nicht mehr ganz sicher, ob er, ob Chicago, ob Paris existierte."65 Wieder also ist nur die Gegenwart real, und die scheint ein ständiger Transfer zwischen nicht realen 'Hiers' und 'Dorts' zu sein, dabei wird den Städten keine übertragene Bedeutung mehr zugewiesen. Im Mittelpunkt steht allein de Beauvoir und ihre persönlichen Veränderungsprozesse. Weiterhin wird in den Memoiren ein Gedanke aufgenommen, der am Ende des Amerikabuchs die Unmöglichkeit der Liebesbeziehung zu Algren angedeutet hatte, ohne den Gedanken zu vertiefen: "Im Laufe dieser beiden Wochen habe ich Chicago entdeckt [...]: Die Gefängnisse, die Polizeireviere und die line-ups, die Spitäler, die Schlachthäuser, die Varietés, die Armenviertel mit ihren öden Bauplätzen und Brennesseln."66 Chicago bedeutet eingeschlossen oder überwacht bzw. kontrolliert zu sein. Die Brennesseln deuten auf Qual hin. Gefängnisse, Schlachthäuser, Armenviertel und öde Bauplätze entbehren besonders in der Aufzählung jeglicher Romantik. Natürlich, dies ist das Chicago, daß der Leser aus dem Amerikabuch kennt, das Chicago Algrens. Doch in der nüchternen Darstellung der Memoiren fehlt die verborgene Gefühlsebene, die dem Tagebuch an Reiz verlieh.

Wenn Algren im folgenden in den Memoiren in Erscheinung tritt, scheint er auch wirklich kaum mehr zu sein, als eine Reisebekanntschaft oder ein guter Freund, mit dem man ein paar Tage verbringt, aber der in keiner Weise eine Sonderstellung einnimmt. 1960 sehen sie sich noch einmal in Europa wieder:

Wir verbrachten eine Woche auf Kreta: herrliche Landschaften, einige aufregende Ruinen, vor allem in Phaistos. Dann kehrten wir nach Paris zurück, und die Stunde der Trennung rückte heran. Während dieser fünf Monate hatte nichts unsere Eintracht getrübt. Der Gedanke, daß unsere Beziehung keine Zukunft hatte, war für mich nicht mehr so unerträglich wie früher. Es würde uns ja auch keine lange Zukunft mehr beschert sein. Sie schien mir nicht mehr verbarrikadiert sondern eher vollendet, vor der Zerstörung gerettet, als wären wir schon tot gewesen. Die früheren Zeiten flößten uns nicht mal mehr jene wehmutsvolle Sehnsucht ein, in der noch eine Hoffnung lebt. [...] Durch unser Wiedersehen hatten wir zehn Jahre ausgelöscht, aber die Gelassenheit des Abschieds brachte mir wieder meine eigentliche Situation zu Bewußtsein: Ich war alt geworden.67

Am Ende hat de Beauvoir ihre Beziehung zu Algren friedfertig abgeschlossen. Liebesleidenschaft ist dahin, doch eine angenehme Erinnerung bleibt, die nicht getrübt wird durch quälende Nostalgie. Das Altern ist die Erklärung hierfür, sie hat wieder einen Lebensabschnitt abgeschlossen. Die 'Zukunft' ist 'vollendet' und damit 'vor der Zerstörung gerettet'; nicht zuletzt ist sie das durch die verschiedenen Bücher, die die Vergangenheit aus verschiedenen Sichtweisen heraus bewahren werden. Ein Lebenswerk ist geschaffen, das Ruhm auch über den Tod hinaus sichern wird.

Schluß

Mit zunehmender, zeitlicher Entfernung vom Liebesglück mit Algren wächst in den Werken de Beauvoirs auch die emotionale Distanz zum Erlebten. Ihr Drang zu schreiben könnte dabei als das Verlangen nach einer psychologischen Verarbeitung, nach einer Selbstanalyse, gewertet werden: Es ist de Beauvoir selbst oder eine an ihre Erfahrungswelt stark angelehnte Figur wie Anne, die als Ich-Erzähler fungieren und somit zum Autor von de Beauvoirs Leben werden, bzw. Sinn in die Ereignisse interpretieren. De Beauvoir ist ständig auf Reisen und dabei ständig im Schreiben damit beschäftigt, den vergangenen Moment zu erfassen und wieder zu leben. Auf diese Weise verarbeit sie ihre (Gefühls-) Welt, die somit bewahrt wird und gleichzeitig doch auch ständige Neuanfänge erlaubt.

Durch Auslassungen und Schwerpunkt- bzw. Perspektivverlagerungen entstehen Bilder unterschiedlicher Stadien der Affäre, wobei jedoch selbst nach Enttäuschungen, Resignation und zunehmender, emotionaler Drift das eine Faktum bestehen bleibt: Einst war es Liebe, die jedoch nicht ausgelebt werden konnte und am Ende (d.h. zum Entstehungszeitpunkt der Memoiren, also bis 1964) in eine alltägliche Freundschaft mündete. Die Werke ergänzen dabei einander, indem sie sich verschiedenen Aspekten der Beziehung widmen, so steht im Amerikabuch die Gefühlsebene im Mittelpunkt, während diese in den Memoiren zurückgedrängt ist und eher rein sexuelle Motive angedeutet werden. De Beauvoir präsentiert sich damit zuletzt--anders als in den Liebesbriefen an Algren--wieder als die untypische und wenig feminine Frau, die in ihrem Streben nach Unabhängigkeit weibliche Individualisierung und damit eine Gefahr für traditionelle Familienwerte und Rollen verkörpert.

Das größte Hindernis zum Liebesglück ist nicht die transatlantische Trennung sondern de Beauvoirs 'maskuliner' Drang, auf dem Papier Neues zu schaffen. Jedes Mal, wenn sie ein Werk vollendet hat, bringt die ausstehende Veröffentlichung dennoch auch den Wunsch, Algren zu gefallen. Während allerdings das Abfassen des Amerikabuchs ein Verlangen parallel zu den Liebesbriefen darstellt--Algren wird ständig über die Fortschritte auf dem laufenden gehalten--, ist er bei den anderen beiden Werken kaum mehr in den Schreibprozeß eingebunden, viel mehr wird er vor die vollendete Tatsache gestellt. Am Ende hat die transatlantische Liebeserfahrung vor allem eine Funktion gehabt: Sie hat zum Schreiben inspiriert.

Bibliographie

Primärliteratur

1. Simone de Beauvoir, L'Amérique au jour le jour 1947 [Amerikabuch] (1948; Éditions Gallimard, Collection Folio, 1997).

2. —, A Transatlantic Love Affair: Letters to Nelson Algren [Briefe] (New York: The New Press, 1998).

3. —, Der Lauf der Dinge [Memoiren], übersetzt aus dem Französischen von Paul Baudisch, (1963; Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1970).

4. —, Les Mandarins [Roman] (Éditions Gallimard, 1954).

Sekundärliteratur

1. Roland Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe, übersetzt aus dem Französischen von Hans-Horst Henschen, (1977; Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1988).

2. Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim, Das ganz normale Chaos der Liebe (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1990).

3. Michel Foucault, Die Ordnung des Diskurses (Antrittsvorlesung). Semesterapparat.

4. Julia Kristeva, Geschichten von der Liebe, übersetzt aus dem Französischen von Dieter Hornig und Wolfram Bayer, (1983; Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1989).

5. —, Fremde sind wir uns selbst, übersetzt aus dem Französischen von Xenia Rajewsky, (1988; Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1990).

6. Niklas Luhmann, Liebe als Passion: Zur Codierung von Intimität (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1982).

7. Anne Ressat, "Simone de Beauvoir amoureuse," [Online] Juli 1999. URL: http://www.lire.fr/Document/277_003387J.asp [11. Juni 2001].

8. Joan Smith, "In the End, She Preferred Sartre," in Literary Review [Online]. 13. Februar 1999. URL: http://www.litrev.dircon.co.uk/199808/Smith_on_Beauvoir.html [11. Juni 2001].

Weitere Literatur, die erst nach Beendigung des Artikels eingesehen werden konnte:

1. Toril Moi, Simone de Beauvoir: The Making of an Intellectual Woman (Oxford, UK, and Cambridge, USA: Blackwell, 1994).

2. Jean-Pierre Saccani, Nelson et Simone (Édition du Rocher, 1994).


1 Dieser Artikel entstand im Rahmen eines Hauptseminars zum Thema "Transatlantic Love", das von Dr. Heike Paul im SS 2001 an der Universität Leipzig im Bereich amerikanische Literatur unterrichtet wurde.

2 Simone de Beauvoir, Les Mandarins (Éditions Gallimard, 1954); 556. Meine Übersetzung.

3 Simone de Beauvoir, Der Lauf der Dinge, übersetzt aus dem Französischen von Paul Baudisch, (1963; Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1970 [1966]); 260.

4 Joan Smith, "In the End, She Preferred Sartre," in Literary Review [Online]. 13. Februar 1999. URL: http://www.litrev.dircon.co.uk/199808/Smith_on_Beauvoir.html [11. Juni 2001].

5 Niklas Luhmann, Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1982); 23.

6 "De Beauvoir was writing in English, because Algren had no French, yet the fact that she was not using her first language does not entirely explain the very conventional -- and misleading -- vocabulary she uses in her early letters to him. Algren could be forgiven for reading the letters literally; he quickly decided that he wanted de Beauvoir to move to Chicago and marry him." Smith, "In the End, She Preferred Sartre," [Online].

7 "Mit vierzig Jahren entdeckt Simone de Beauvoir die Knospen der Liebe." Frei übersetzt nach Anne Ressat, "Simone de Beauvoir amoureuse," [Online] Juli 1999. URL http://www.lire.fr/Document/277_003387J.asp [11. Juni 2001].

8 Briefe de Beauvoirs an Algren vom 23. Juli 1947 und 19. Juli 1948 in A Transatlantic Love Affair. Letters to Nelson Algren (New York: The New Press, 1998); 51, 202.

9 Ressat, "Simone de Beauvoir amoureuse," [Online].

10 De Beauvoir, Der Lauf der Dinge, 441.

11 Julia Kristeva, Geschichten von der Liebe, übersetzt aus dem Französischen von Dieter Hornig und Wolfram Bayer, (1983; Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1989); 24.

12 Julia Kristeva, Fremde sind wir uns selbst, übersetzt aus dem Französischen von Xenia Rajewsky, (1988; Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1990); 42.

13 De Beauvoir, Der Lauf der Dinge, 620.

14 De Beauvoir, Lesmandarins, 556. Meine Übersetzung.

15 Smith, "In the End, She Preferred Sartre," [Online].

16 Kristeva, Geschichten von der Liebe, 14.

17 Roland Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe, übersetzt aus dem Französischen von Hans-Horst Henschen, (1977; Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1988); 27-28.

18 Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim, Das ganz normale Chaos der Liebe (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1990); 85.

19 Ressat, "Simone de Beauvoir amoureuse," [Online].

20 Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe, 28.

21 Smith, "In the End, She Preferred Sartre," [Online].

22 Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe, 27.

23 Michel Foucault in Die Ordnung des Diskurses stellt der 'großen' Geschichte eine notwendige 'kleine' gegenüber: "Gerade indem man sich auch den geringsten Ereignissen zugewendet hat, indem man die Erhellungskraft der historischen Analyse bis in die Marktberichte hinein, in die notariellen Urkunden, in die [36] Pfarregister, in die Hafenarchive vorangetrieben hat, die Jahr für Jahr, Woche für Woche verfolgt werden, hat man jenseits der Schlachten, der Dekrete, der Dynastien, oder der Versammlungen massive Phänomene von jahrhundertelanger Tragweite in den Blick bekommen" (35-36). Diese zwei Arten der Geschichte ergänzen sich insofern, als daß das 'großen' Einzelereignis in eine geschichtliche Permanenz von 'kleinen' Fakten und Details eingeordnet wird.

24 Simone de Beauvoir, A Transatlantic Love Affair, 25/26. Meine Hervorhebung.

25 Simone de Beauvoir, Der Lauf der Dinge, 124.

26 Siehe nachfolgende Kapitel zu Roman und Memoiren.

27 Simone de Beauvoir, A Transatlantic Love Affair, 35. Meine Hervorhebung.

28 Ibid., 71-73. Meine Hervorhebung.

29 Siehe Einleitung--ihre Kindheitserinnerungen gingen ihr verloren, als sie veröffentlicht und gelesen wurden.

30 Simone de Beauvoir, L'Amérique au jour le jour 1947 (1948; Éditions Gallimard, Collection Folio, 1997); 17. Meine Übersetzung.

31 Ibid., 130. Meine Übersetzung.

32 Ibid., 137-142.

33 Ibid., 143 [22. Februar]. Meine Übersetzung.

34 Ibid., 147 [22. Februar].

35 Ibid., 442. Meine Übersetzung.

36 Ibid., 481. Meine Übersetzung.

37 Ibid., 161 [26. Februar]. Meine Übersetzung.

38 Ibid., 483. Meine Übersetzung.

39 Ibid., 483, 481 und 486 [11. Mai].

40 Ibid., 523. Meine Übersetzung.

41 Ibid., 525. Meine Übersetzung.

42 Sie muß etwa Ende 1949 mit dem Schreiben begonnen haben. Simone de Beauvoir, A Transatlantic Love Affair, 322.

43 Ibid., 472.

44 Ibid., 507. Der Brief ist lediglich mit 'Herbst 1954' überschrieben, was auf eine bereits stark eingeschränkte Korrespondenz hindeutet.

45 Ibid., 513.

46 Ibid., 521. Anmerkung des Herausgebers.

47 Ibid., 524.

48 Simone de Beauvoir, Der Lauf der Dinge, 259.

49 Simone de Beauvoir, Les Mandarins, 330. Meine Übersetzung.

50 Ibid., 497. Meine Übersetzung.

51 Ibid.

52 Ibid., 397. Meine Übersetzung.

53 Ibid., 498. Meine Übersetzung.

54 Ibid., 497. Meine Übersetzung.

55 Ibid. Meine Übersetzung.

56 Simone de Beauvoir, A Transatlantic Love Affair, 511. Man beachtet, daß sie sich im Prinzip selbst zuprostet, wenn sie auf Les mandarins trinkt.

57 Siehe Briefe vom April, Juni und Oktober 1963 (es sind keine genaueren Daten mehr angegeben). Ibid., 551, 552 und 554.

58 Brief vom Oktober 1963. Ibid., 554.

59 Ibid. The Lost American ist ein unerfolgreicher Roman Algrens aus jener Zeit.

60 Ibid., 556.

61 Ibid., 559. Anmerkung des Herausgebers.

62 Simone de Beauvoir, Der Lauf der Dinge, 127-128.

63 Ibid., 129.

64 Ibid., 136.

65 Ibid., 137.

66 Ibid.

67 Ibid., 484. Meine Hervorhebung.

Refbacks

  • There are currently no refbacks.